4.995 km nach Küküllökemènyfalva (Karpaten 2018)

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Juli 2018.Wann immer es mich in südliche Gefilde zieht, sind erst mal viele Kilometer deutsche Autobahn angesagt. Am besten auf der rechten Spur, denn die ist in der Regel frei, da die meisten Fahrer die Mittelspur nutzen und bei einem Adrenalinstoß wechseln sie auf die Überholspur und beschleunigen mit fünf Kilometer höherer Geschwindigkeit, als der zu Überholende. Ich spar mir das alles und fange mit der Geschichte in Görlitz an. Spannende Stadt, die mittendrin in der toll erhaltenen und wieder hergerichteten Altstadt das Navi mit all den Einbahnstraßen und Sackgäßchen nahezu zur Verzweiflung treibt. Am besten, kurzer Halt und runter vom Ped und ein paar Schritte durch die schöne und belebte Altstadt schlendern. Die Peter und Paul Kirche und das Rathaus am Untermarkt sind top, aber bei den herrschenden 30 Grad Sommertemperaturen ist mir das Bitter Lemon im Cafe mindestens genauso lieb. Aber weiter geht’s, über die Johannes Paul-Brücke (schließlich gab es ja mal einen polnischen Papst) führt der Weg auf die polnische Seite  und so biege ich auf die von völlig „unchristlichen“ Krämern gesäumte Straße Richtung Liberec. Mit Sprüchen wie „billigigste Zigaretten der Stadt“ oder „Preiswert Wodka“, die an jeder Ladentür hängen, werde ich empfangen. Weder das eine noch das andere törnt mich an, aber es ist wieder diese unendliche kleine Freude, dass wir in Europa ohne Kontrolle, ohne Grenzpolizei, ohne Pässe zeigen und Zöllnerhäuschen von einem Land ins andere wechseln können. Auf der 13 und dann auf der 355 in Richtung Süden läuft es richtig gut. Zwar gibt es am Anfang etwas LKW Verkehr, aber dafür sehen es die polnischen Fahrer nicht so eng, was das Überholen anbelangt. Durch alte böhmische Kultur- und Agrar-landschaft fahre ich mit offenem Helm und leichter Jacke, da selbst in den Waldstrecken die Temperaturen selten unter 30 Grad gehen. Huch, schon wieder war da eine Grenze – und schwupps war ich durch (Nicht wie zwischen Österreich und Deutschland – wo die Rechten und Rechtsaußen die Straßen kontrollieren). Die 13 ist ein schönes Sträßchen, das sich auf Tschechischer Seite mit einigen Kurven von Friedland nach Reichenberg

Rathaus von Liberec

(Liberec) schlängelt und am Ende auf einem wunderschönen Rathausplatz in der Stadtmitte für heute meine Reise zu Ende gehen lässt.  Kinderfest auf dem Platz, viel Trubel und ich lasse mich in einem der Strassenrestaurants, die rund um den Platz stehen nieder.  Der gut deutsch sprechende Kellner verwickelt mich erst in ein Gespräch und dann sitze ich an einem anderen Tisch mit Tschechen und schäme mich, weil ich mit diesen iditotischen Aussagen unserer bayerischen CSU Oberen und dem Einführen einer bayerischen Grenzpolizei konfrontiert sehe und einfach keine Antwort weiß. Die Tschechen sind durchaus selbstkritisch und sehen, dass ihr Land keine Flüchtlingsströme willkommen heißt, aber der Vorwurf, der still im Raum steht lautet: „Ihr, ausgerechnet Ihr, wo Ihr doch eigentlich unser demokratisches und liberales Vorbild seid“.

Ein kleines Zeichen gemeinsamer europäischer Werte und Genüsse sehe ich dann doch darin, dass ich mit englisch sprechenden Tschechen am Tisch sitze und tolles tschechisches Bier trinke und wir zusammen ausgezeichnetes italienisches Essen genießen, welches super preiswert ist und wir alle in Euro bezahlen können.  Das Hotel direkt am Marktplatz erlaubt mir beim Frühstück einen schönen Blick aus dem ersten Stock direkt auf den Platz der am Samstag Morgen eher ruhig und verlassen da liegt. Die Sonne deutet bereits zu früher Stunde an, dass sie den Tag wieder mit ihrer ganzen Vorherrschaft belegen möchte und ich lenke die Maschine in überaus guter Laune aus Liberec hinaus. Mein erstes Ziel soll heute Pekelny Doly sein, die Motorrad Höhle im Erzgebirge. Über die 270 geht es zunächst durch ehemals böhmische Agrarlandschaft ein Stück in Richtung Süden, bevor ich auf die 13 in Richtung Westen abbiege. Die Straßen werden enger, die Hügel des Elbsandsteingebirges rücken immer näher an die Straße heran und die Täler schlängeln sich durch ansehnliche Waldstücke. Man muss in diesem engen Tal zwischen Svitava und Velenice schon tüchtig aufpassen, dass man die kleine Einfahrt zur Höhle nicht verpasst. Höhlen gibt es hier ziemlich viele, sie wurden früher dazu  genutzt, Sand abzubauen, mit welchem man bei dem hier weit verbreiteten Glashandwerk die Spiegel geschliffen hat.

Kreisverkehr in der Bikerhöhle

Tja, und dann stand ich davor und wusste zunächst auch nicht so recht, was ich nun tun sollte. Ein Tscheche, am Höhleneingang sitzend und vormittags um 11 gemütlich ein Bier trinkend sagte: „Fahr ruhig rein“, und so zog ich mein Kopf etwas ein, gab wenig Gas und fuhr tatsächlich mit dem Motorrad in einer Höhle spazieren. Richtig “strange“ wird es dann, wenn man mit dem Motorrad bis vor die gut ausgestattete Bar fährt, es dort abstellt und sich ein frisches Bier reinzieht. Was mich in bisschen gewundert hat, war, dass viele meiner Motorradkollegen davon auch Gebrauch machten, während ich es dann doch lieber bei einem Café in einem kleinen Apfelstrudel bewenden ließ. Nun, diese Höhle wollte ich sehen, ich war da, es war nett, aber kein Highlight von dem ich behaupten würde, dass man es unbedingt gesehen haben muss. Die Strecke bisher war auch nicht so aufregend, aber auf meinem jetzt vor mir liegenden Weg nach Prag, wo ich mit meinen Spezeln verabredet war, lag ja noch dieses fantastische Stück der Straße mit der Nummer 9, welche vor Melnik während der Fahrt so ein leichtes Achterbahngefühl hervorruft. Aber Vorsicht, auch dort fahren ein paar Hemmungslose. Aber ein richtiger Genuss, gut ausgebaut und Kurve an Kurve. Danach gönnte ich mir eine kurze Pause in Melnik selbst, wo Elbe und Moldau zusammen fließen. Dann noch ein kurzer Ritt nach Prag und wir treffen uns an der Verladestation des Autoreisezug, der uns am Abend über 700 km einmal quer durch Tschechien in die Slowakei bringen wird. Für Prag selbst hätte ich mir einen etwas größeren Dyson Staubsauger gewünscht, mit welchem ich wenigstens für diesen einen Nachmittag alle Touristen aus der Stadt gesaugt und sie erst spät am Abend wieder aus dem sicheren Auffangbehälter befreit hätte. Das ist sicherlich kein schönes Bild, ich weiß, aber die Stadt ist so unendlich voll und der bauliche Charme der Altstadt wird von einem Gemisch zig Tausender vielsprachiger Touristen erschlagen. Und wenn man tatsächlich in einem der Cafés einen Platz ergattert, so erlebt man, dass die Gastronomie ihre Preise schon längst auf das Niveau von Paris oder Mailand angehoben hat. Diese Stadt ist so liebenswert und schön und es wäre schade, wenn sie ohne Widerstand total in Touristenhand fällt. Am Abend fahren wir unsere Peds auf den Autoreisezug wobei striktes Bücken absolute Vorschrift ist, denn sonst knallt ihr mit dem Helm bzw. dem Kopf an das obere Stockwerk des Transportzuges, auf welchem allerdings nur Autos stehen.

Der Zug selbst ist Nostalgie pur. Es gibt Liegewagen mit 3er Abteilen, die man aber auch als Doppel oder Einzel buchen kann, was allerdings der einzige Komfort ist, den man genießen kann. Die beiden Wasserhähne an dem kleinen Waschbecken im Abteil lassen spärlich Wasser in einheitlicher Temperatur laufen, egal ob man sich des heiß oder kalt Hahnes bedient. „Das ist so“, sagte überaus freundliche und nette Schaffner „es ist halt alles kaputt“ aber in seinem Kühlschrank hat er wenigstens ein paar Dosen Bier, mit welchem wir den Staub der Stadt hinunterspülen können. Die Nacht bleibt mir in Erinnerung. Möglicherweise sind die Geleise in  Tschechien von besonderer Natur und die Bremsen mit einem „Quietsch-Zusatzverstärker“ ausgerüstet, jedenfalls leise war es nicht und gerumpelt hat es ordentlich. Ab und zu schaute ich in die Nacht hinaus, um mich zu vergewissern, dass wir nicht auf hoher See sind.  Aber, und hier breche ich eine Lanze für die tschechische Staatsbahn, pünktliche Abfahrt und pünktliche Ankunft. Zwischendurch haben wir wieder mal eine Grenze passiert, was in einem gemeinsamen Europa nicht spürbar ist und laden

Gleich kommt’s Frühstück

unsere Peds kurz vor 9.00 Uhr in Kosice vom Wagen. Ein Katzensprung entfernt finden wir in der Fußgängerzone ein herrliches Café und genießen ein schmackhaftes Frühstück. Und wieder schien ein wunderbarer Tag zu beginnen, wobei doch immer wieder gilt, du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben.

Sonntagmorgens brachen wir in Kosice auf, um uns zunächst für rund 90 km gen Osten zu bewegen, weil wir in Ushgorod die ukrainischer Grenze passieren wollten, um einen Abstecher in die dortigen Waldkarpaten zu machen. Die Straße bis Ushgorod langweilig und trotzdem waren wir froh, dass es ein Sonntag war, denn der Lkw Verkehr hielt sich in Grenzen. Wer immer, vom Wahnsinn getrieben, meint, mit dem Fahrzeug in die Ukraine reisen zu wollen, sei an dieser Stelle nachdrücklich gewarnt. Die Formalitäten vor der Abfahrt sind schon grausig genug, man braucht internationale Zulassungsbescheinigung, einen internationalen Führerschein, man muss eine Krankenkassenbescheinigung und natürlich eine Grüne Versicherungskarte mit dem besonderen Ausweis der Ukraine mit sich führen. Ist das Fahrzeug nicht auf den Fahrer zugelassen, bedeutet dies nochmals eine zusätzliche Vollmacht, die muss übersetzt werden und bedarf einer notariellen Beglaubigung und einer Apostille. Den ganzen Wahnsinn habe ich mitgemacht und  auf der Homepage der Ukraine Touristik habe ich auch gelesen, dass bei der Einreise die „obligatorische Grenzkontrolle“ stattfindet. Wir haben uns also hinten angestellt und nachdem eine Weile gar nichts passiert ist, sind zwei von uns nach vorne gelaufen um etwas ernüchtert wieder zurückzukommen mit der Feststellung, „da vorne passiert gar nichts“ die Befragung zweier slowakischer Beamten brachte uns dann die traurige Gewissheit nämlich, dass mit einer Wartezeit von rund 4 Stunden zu rechnen sei. Dabei betonten sie glaubwürdig, dass man die slowakische Seite der Grenze jederzeit und ohne Probleme passieren könne, aber, dass sich die Fahrzeuge vor dem Einlass in die Ukraine stauten. Wir haben dann noch gefragt weshalb dies denn so seien die Antwort lautete schlicht und einfach: „die tun nichts“. Einen Tipp gaben sie uns dann allerdings noch, wir könnten eventuell einen kleineren Grenzübergang der ca. 40 km im Norden liegt nutzen, wo die Situation etwas entspannter sein könnte. Also schwangen wir uns auf die Maschinen und fuhren etwas über 40 km an den von den Zöllnern genannten touristisch geprägten Grenzübergang. Die Situation allerdings exakt die gleiche. Zwei von uns liefen wieder nach vorne und in dem auf der Pool Position stehenden Fahrzeug saß seine sehr gut Englisch sprechende Dame, die uns jeder Illusion beraubte. Sie selbst, so führte sie aus, habe bis zu dieser Position jetzt 3 ¾ Stunden benötigt und gehe davon aus, so wie die Abfertigung ablaufe, noch eine weitere halbe Stunde zu brauchen. Eine viereinhalbstündige Verspätung hätten wir bei der Tourenplanung nie und nimmer aufholen können. Nachts durch karpatische Wälder zu fahren, über uns der Mond unter uns Ukrainische Straßenverhältnisse das wollten wir uns dann doch nicht gönnen. Hätten wir bei der Ausreise aus der Ukraine dann nochmals denselben Terz erlebt, hätten wir 9 Stunden und damit einen ganzen Tag verloren. Lieber Abbrechen und Richtung Süden, 200 km Umweg, zurück über die Slowakei und Ungarn nach Rumänien einfahren (jeweilige Grenzkontrollen unter 10 Minuten).

Dieses Bürokratisch Nichts-Tu-Monstrum an der Ukrainischen Grenze muss man nicht haben. Es gibt so viele und wunderschöne Plätze in Europa, friedvoll und die mit netten Menschen locken, die landschaftlich reizvoll sind und den Besuchern gegenüber entgegenkommend und freundlich. Und wo dies eben nicht ist, da muss man auch nicht hinreisen.

Internet sei Dank, eine kurze Kaffeepause, Hotel in der Ukraine storniert mit dem Hinweis, dass eventuelle Stornorechnungen am besten direkt an die Einreisebehörde  zu stellen seien und neues Hotel in Rumänien, und zwar in Satu Mare  gebucht.  Die dazwischen liegende ungarische Ebene ist für einen Pedfahrer ermüdend, obgleich durchaus reizvoll.  Spätestens nach Miskolc wird es fahrtechnisch öde. Flach, Wasserläufe und viele Störche.

Nichtsdestotrotz, abends fuhren wir in Santu Mare ein und diese Stadt macht weder beim Hinein-, noch beim Herausfahren einen tatsächlich einladenden Eindruck. Und dann doch mittendrin ein wirklich gutes Hotel und abends ein gutes Restaurant mit Terrasse und Fußball live Übertragung (wir haben es genossen, es war kein Spiel der Deutschen Mannschaft).

Nach einem guten Frühstück verlassen wir Satu Mare auf der D19, wobei es tatsächlich gut tut, die langen Vorstädte rumänischer Städte hinter sich zu lassen. Aus unseren Augen betrachtet, wahrlich, kein Zuckerschlecken, dort zu wohnen. Relativ öde Straße bis Certeze und dann kommt eine Sahnestrecke, die durch eine wilde Waldlandschaft mit schönen, zum Teil auch engen Kehren aber gutem Belag  zur Theiss führt. Dieser Streckenabschnitt war richtig stark, so dass wir erst einmal durchschnaufen und dann biegen wir auf die D 18 und damit in die Region Maramures ein, die sich zum Teil auf ukrainisches Gebiet erstreckt.  Das Kirchen- und Klosterland bricht an.  Rund 60 Holzkirchen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert die stark an die Norwegischen Stabkirchen erinnern sind in dieser Region zu besichtigen. Viel zu viele für unsere Motorradtour, aber eine haben wir uns angesehen. Inmitten eines kunterbunten und dem natürlichen Wildwuchs überlassenen Friedhof, zwischen bunt bemalten Grabsteinen und Kunststoffblumen steht sie majestätisch und still im Raum – Poienile Izei. Leider war sie zunächst verschlossen, aber, dass 6 Maschinen vor der Kirche parkten hat sich in Windeseile herumgesprochen und so kam ein altes, am Stock gehendes Mütterlein mit einem großen Schlüssel angewackelt und lies uns ein.

Wer bayerisch-allgäuerischen Kirchenbarock kennt oder gar an Kirchenpaläste in Rom denkt, taucht schon in eine fremde Welt ein. Kein prunkvolles Gold und Trallafitti sondern Holzschnitzereien, kunstvoll gewebte Teppiche an den Wänden und  viele auf Holz gemalte Bilder, die zum Teil an naive Malerei erinnern. Ein lohnenswerter Abstecher, aber dann geht’s weiter zum nächsten fahrerischen Höhepunkt, dem Prisloppass. Die Straße schraubt sich von rund 400m auf rund 1.400m hoch, wobei sich etliche Kehren mit langen Geraden abwechseln, so dass man durchaus munter fahren kann. Für die Strecke danach müssen wir beim Thema Straßenqualität mindestens zwei Punkte Abzug geben. Das bleibt so bis Dorna Arini und wird besser, als wir auf die 178 einbiegen und durch ein traumhaft schönes breites Tal, das durch Waldgebiete links und rechts begrenzt wird, auf einer kurvenreichen und daher sehr Motorrad geeigneten Straße wieder ins flachere Land fahren. Aber halt, noch sind wir nicht unten, denn wir haben eine Übernachtung in einem kleinen Hotel direkt am Stausee gebucht. Ca. 1 Stunde vor unserer Ankunft klingelt mein Handy und der Wirt fragt nach, ob wir sein Hotel wohl finden und erklärt uns nochmals die Anfahrt. Das war gut so, denn sonst würden wir es vermutlich heute noch suchen. Ein wunderschöner, ganz stiller See, am ansteigenden Ufer unser kleines Hotel, familiär, sehr freundlich.

Unglaubliche Stille, kein Motorboot Geknatter, kein Geschrei, keine Musik, keine Werbung, nur See und Wald. Das Abendessen kostet 8.- €, nach Suppe und einem sehr ordentlichen Steak mit reichlich frischen Steinpilzen und einem Nachtisch können wir nicht mehr Papp sagen.Das haben wir uns aber auch verdient, denn die Anfahrt zum Hotel hatte es in sich. Zunächst schien es nur eine sehr steile Schotter-Abfahrt sein, doch dann hörte auch der Schotter auf und grobe Beton- und Steinplatten bildeten zwei Fahrstreifen jeweils in der Breite vielleicht zweier Motorradreifen. Und es war verdammt steil, vielleicht kann man es anhand der Abstufungen am Zaun im rechten Bildrand etwas erkennen.  

Morgens bedeutete dies einfach wenig, aber ausreichend Gas, nicht Stoppen, sondern in einem Hurra durch und oben nicht durchdrehen lassen auf dem Schotter . Alles gut, wir setzten die Fahrt unbeschadet fort, queren den Stausee weiter geht es bergab in Richtung Bicaz. Doch bevor wir nach Bicaz die weite Ebene erreichen passieren wir die Bicaz-Klamm, deren zum Teil 100m hohe Felswände die Straße derart einengen, dass sie sich gerade mal am kleinen Fluß entlang schlängeln kann und uns ein wohliges Gefühl des morgendlichen Fahrens beschert. Allerdings ist in der Klamm viel Verkehr und man tut gut daran, ein wenig aufzupassen, insbesondere wenn es die Händler am Straßenrand wichtig haben.

Völlig normales Verkehrsmittel

Die Klamm hat uns auch vor der bereits wieder einsetzenden Hitze geschützt. Jetzt, in der Ebene, wobei wir immer noch auf ca. 500m sind, spüren wir wieder die guten 30 Grad und so ein Motorrad-Motor ist auch kein Kühlschrank. Bemerkenswert ist auf der ganzen Reise die Art und Weise wie Landwirtschaft betrieben wird. Auf dem Land gehören Pferdefuhrwerke zum ganz normalen Straßenbild, motorgetriebene und von dem hinterherlaufenden Menschen von Hand gesteuerte Mähmaschinen sieht man hie und da und die werden dann von einem Feld zum anderen mit dem Pferdefuhrwerk transportiert. Die Traktoren und Maschinen sind ebenfalls einfach nicht aus unserer Zeit. Man hat den Eindruck, dass alles ca. 40 bis 50 Jahre hinter unserer Zeit ist, was wir aber keineswegs als Nachteil empfinden. Und es ist ein Steinpilzparadies. Pilzsammler mit diesen großen blauen Ikeataschen, über jeder Schulter eine und dann noch eine Tasche in der Hand und alles übervoll mit Steinpilzen gehen in Richtung Markt, wobei sich der Preis, bis sie bei uns ankommen ca. verzehnfacht. Und die Liebe der rumänischen Landbevölkerung  zu großen Holztoren begleitet uns unablässig. Schöne, zum Teil mit geschnitzten Verzierungen versehene Tore immer mit einem integrierten kleinen Tor für die Fußels treffen wir erstaunlicherweise auch dort, wo hinter dem Tor gar nichts ist. Aber vielleicht kommt ja irgendwann noch etwas.

Eine Stunde sind wir jetzt auf der 12c/125 hinter der Klamm unterwegs und Die Hitze wird immer stärker und wir brauchen dringend eine Abkühlung. Wir befinden uns in der Zwischenzeit in einem Gebiet, in welchem die rund 1,4 Millionen Ungarn siedeln, die 1920 durch die Abtretung Siebenbürgens an Rumänien auf einmal Rumänen waren. Aber Sprache und Ortsnamen, Wirtshausschilder und Läden blieben ungarisch und so stoppen wir in

und ruhen uns bei kühlen Getränken und einem kleinen Imbiss aus. Mein Vorschlag, dass nur derjenige was bekommt, der den Ortsnamen fehlerfrei und in einem Wort wiedergeben kann, wird aber rundheraus abgelehnt. Dann wird die Fahrt nicht mehr ganz so spannend bis Hermannstadt. Ein sehr hübsches kleines Stätdchen, liebevoll restauriert und mit beeindruckendem Marktplatz, der viele Straßencafes beherbergt uns uns gleich mit. Viel Zeit bleibt uns aber nicht, denn wir müssen noch den Eingang in die Transfagarasan heute schaffen, auf deren Passhöhe wir unser Hotel gebucht haben.

Und an diesem Nachmittag beginnt der Wahnsinn, denn diese Straße ist der Wahnsinn, und zwar der helle. Gut, dass sie nicht in Schleswig-Holstein liegt, sonst würde ich sie wohl Tag und Nacht fahren. Ja, die Anreise ist etwas lang, aber man wird reichlich belohnt. Für die Beschreibung dieses Streckenabschnitts stelle ich auch reichlich Bildmaterial ein, denn die Transfagarasan hat es verdient. Wenn man aus der Ebene von Hermannstadt aus kommt, liegen die Karpaten wie ein großer Riegel quer über dem Land. Mächtig stehen Sie da und auf den ersten Blick  sieht man auch nicht wirklich, wo es da denn rübergehen könnte. Und so ein Riegel stört natürlich auch die Herrn des Militärs und so ließ der gute Nicolae Ceaușescu 1970 die Straße bauen, damit das Militär eben schneller von Süd nach Nord kam (kommt uns irgendwie vom alten Adolf her bekannt vor – oder?). Aber lassen wir das, sprechen wir über die Strecke.

Schon die ersten Serpentinen, aus der Ebene heraus in die bewaldete Bergflanke lassen tolle Ausblicke zu. Die Straße war (2018) völlig neu gemacht und kaum Verkehr. Schaut Euch das Bild an und ihr versteht, dass man da kurz vor dem Fahrinfarkt steht. Von einer Serpentine in die nächste Kehre, immer wieder Beschleunigungsstrecken und unsere BMW’s jubelten. Unten in der Ebene war es uns fast zu heiß, eine gewisse träge Schläfrigkeit legte sich über die Augenlider und dann dieser Adrenalinstoß. Fahrfreude pur, Glückshormone fluten im Millisekundentakt den Körper. Wahnsinn eben.

Auf etwas über 2.000m liegt unser Hotel an einem stillen Bergsee, in welchem sich die umliegenden Gipfel und die gigantischen Schafherden, die an unvorstellbar steilen Hängen grasen, spiegeln. Es hat gut abgekühlt, draußen sitzen geht noch, aber mit Jacke und abends müssen wir drin essen. Am nächsten Morgen erwarten uns 3 Grad, aber strahlender Sonnenschein und eine ebenso starke Abfahrt gen Süden erwarten uns. Erst durch den Tunnel, der straßen- und beleuchtungsmäßig grenzwertig ist, zumal der Tunnel auch für Fußels offen ist. Aber dann, kurvenreich und steil führt die Straße hinunter ins Valea Caprei wo sie sanfter wird und entlang des Stausees gebaut ist. Wir verlassen den See und wieder kommt so ein Glücks-Stück wie der Anfang auf der anderen Seite. Auch hier wurde an Steigung und Kurven nicht gespart und wir düsen zügig bis Argisch. Hätten wir nicht die Tour vor uns, gäbe es nur eine Entscheidung: zurück und nochmals fahren!

Aber diese Route hatte uns allen irgendwie den Kopf verdreht und so fuhren wir quietschfidel an der Tankstelle vorbei, an der wir besser gehalten hätten. Aber so tourten wir frohgemut auf der 7 wieder in Richtung Norden, um dann in der Gegend von Brezoi festzustellen, dass es dort keine Tankstelle gibt (was der unglaublich schönen Strecke keinen Abbruch getan hat).  Uns erwartete eine muntere Kreuzung, mit Kiosken, fliegenden Händlern und fröhlichen Bikern, die alle entweder von der Transalpina kamen oder dort hinwollten. Beste Stimmung, tolles Wetter, nur keinen Sprit.  Also  eher verhalten weiter fahren, über die 7A in Richtung Transalpina und verbunden mit der traurigen Vorahnung, den schönsten Teil dieser Hochgebirgsstraße womöglich nicht fahren zu können. Nun, man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen und der südliche Teil der Transalpina in Richtung Mühlbach hat uns trotzdem sehr gut gefallen. Vorbei an dem großartigen Lacul Oasa, vorbei an fliegenden Beeren- und Pilzhändlern, die wieder mit ihren gigantisch großen Taschen Steinpilze ohne Ende anbieten. Auch hier eine sehr gute Straße, die mit ihrer Kurvenführung zu zügigem Fahren geradezu einlädt und uns hinunter nach Mühlbach ins Hotel führen soll.

Tor zum „Grandhotel“
Aber innen super

Tja, wo war das wohl? Straße raufgefahren, Straße runtergefahren, andere Straße rauf- und auch wieder runtergefahren und immer nur an einer sich abwechselnden und hermetisch geschlossenen Front aus Hausstirnseite, Tor, Hausstirnseite Tor entlang, ohne von dem Hotel auch nur eine Spur zu sehen. Ob unser Navi einen Hitzschlag bekommen hat? Und plötzlich öffnet sich eines dieser Tore und eine Frau bedeutet und, dass wir am Ende der Straße abbiegen sollten, die Hoteleinfahrt befindet sich hinten und sie mache auf. Alles gut, wir taten wie uns angeheißen und standen dann in einem schönen Innenhof, wo ein Pool zur Verfügung steht und unter dem Dach der offenen Remise gab es Abendessen. Ein gesprächiger Wirt erklärte uns nebenher die Geschichte von Dorf und Menschen und wir verbrachten einen super Abend. Wer den abendlichen Trubel einer Stadt sucht, ist hier falsch, wer die Seele baumeln lassen möchte dafür genau richtig. Möglicherweise würde wir bei uns nicht die Bezeichnung „Hotel“ verwenden, aber es war wirklich gut.

Zeit genug hatten wir auch, um am kühlen Pool mit einem oder zwei Bieren die Route so umzugestalten, dass wir den spektakulären Teil der Transalpina doch noch einbauen konnten, allerdings nicht ahnend, auf was wir uns da eingelassen hatten.

Am nächsten Morgen starteten wir über die Bundesstraße an Mühlbach vorbei in Richtung Donau. In Petrosani dann die Abzweigung auf die 7A (diesmal von der anderen Seite), um bei Obarsia Lotrului auf die Transalpina einzubiegen. Diesmal tanken wir vorher und der liebenswerte Tankwart schüttelte den Kopf, als wir ihn nach der Straße fragten.  Bangemachen gilt aber nicht und so hatten stießen wir auf eine maximale Herausforderung und auf den nächsten ca. 20km auf einem Untergrund, den ich wirklich nicht als Straße bezeichnen möchte.

In der Nacht hatte es geregnet und wir bewegten uns kurvenreich und ohne Grip auf einer Schotterpiste für die ich mein liebes Ped mehrmals um Entschuldigung bat.  Im Übrigen sieht man auf dem linken unteren Bild zwei Bauwagen, die waren bewohnt und gerade wurde die Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Da muss man durch und durch Naturfreak sein. Aber wir haben es geschafft und standen am Beginn eines weiteren, großartigen Streckenabschnitts. Spektakulär windet sich die Transalpina in teils sehr engen und steilen Kurven zur Paßhöhe (2.145m). Kehren, die von ihrem Radius und der Steigung her tatsächlich zum Teil den ersten Gang verlangten, zumindest wenn Gegenverkehr war. Abgesehen von diesen etwas herausfordernden Serpentinen und Kehren wartet eine traumhafte Straße, die sich in weiten Schleifen auf und zwischen den Bergen entlangzieht.

Die junge Dame rechts unten im Bild wollte nur spielen.

Überwältigende Streckenführung, irrsinnige Ausblicke und guter Belag. Ein Hochgenuss, dessen einziger Wermutstropfen in dem Grauen besteht, das einen beschleicht, wenn man die Betonburgen bei Ranca sieht, die wohl dem zukünftigen Skitourismus gewidmet werden sollen. Aber erst genießen wir den fantastischen Rundblick auf die Berge, der nicht einmal durch eine Leitplanke am Straßenrand getrübt wird.  Oben packt uns trotz strahlendem Sonnenschein der Wind, kalt und stürmisch begrüßt er uns, so dass wir bei aller Freundschaft zügig die Abfahrt nach Novaci nehmen und die sanft schwingenden und durchaus schnellen Kurven genießen.

Zurück auf unserer ursprünglich geplanten Route fahren wir noch voll toller Eindrück über Herculaneum zur Donau, zum eisernen Tor. Nun, nicht ganz, denn zwischen Orsava und dem Eisernen Tor lagen rund 10km Stau. Kurzer Ratschlag und der weise Beschluss, dass wir nicht einen langen Stau in Kauf nehmen wollen, um ein Stauwerk zu sehen.

Also, rumdrehen und nichts wie weg, zurück nach Orsava und dort am linken, rumänischen Donauufer über ein malerisches Sträßchen 70km nach Bersaska. Es ist schon ein beeindruckender Strom, der majestätisch in der Landschaft liegt, eingebettet zwischen den bewaldeten Bergen Serbiens und Rumäniens. So richtig kommt das Bild beim Sonnenuntergang zur Geltung, den wir aus dem Pool des Hotels heraus genießen können. Auch hier wieder ausgesprochen freundliches und hilfsbereites Personal, leckeres Essen und der Wunsch einiger einheimischen Touristen ein Selfie auf dem Motorrad machen zu dürfen. Wir haben uns auch dort sehr wohl gefühlt und einen weiteren, im Gedächtnis haftenden Abend verbracht.

Wow – Romantik pur, majestätische Schönheit

Am frühen Morgen ziehen eins ums andere Kreuzfahrtschiffe vorbei in Richtung Donaumündung. Unser Weg führt in die andere Richtung, weiter auf einer gut ausgebauten schön zu fahrenden Straße an der Donau entlang und zusammen mit dem Fluß verlassen wir Rumänien und reisen nach Serbien ein.

Grenzübertrittszeit 10 Minuten. Tja, und ab jetzt gilt es Strecke zu machen. Die ersten 50km sind geprägt durch endlose Sonnenblumenfelder und dann müssen wir rauf auf die Autobahn und Richtung Belgrad und weiter nach Zagreb. Knapp 700km „schenkt“ uns der heutige Tag und wir kommen zufrieden, aber ein wenig erschöpft in Novo Mesto an, einem kleinen Ort, dessen alter Stadtkern in einer Flußschleife der Krka liegt. Netter kleiner Abendspaziergang, Terrassenlokal am Fluss und eine spaßige und pfiffige Bedienung machen uns den Abschied in Richtung Heimat auch nicht leichter. Aber morgen wartet nochmals ein Sahnestückchen auf uns, denn über Ljubljana geht’s es auf er 206 über den Vrsiska Pass nach Villach. Schon die Anfahrt durch das Tal der Trenta ist traumhaft und der Pass selbst glänzt durch 51 Kehren. Von Trenta her sind es 27, die wirklich zum Teil eng und unübersichtlich sind, hinunter nach Kranjska Gora sind die 24 Kehren zum Großteil noch mit einem Belag aus Kopfsteinpflaster versehen.

An einem Sommertag ein Fahrtraum, wenngleich manchmal die nicht erprobten Autofahrer und auch das eine oder andere Ped schon eine Herausforderung beim Überholen darstellen. Noch ein Käffchen im Dorf, ein letzter Palatschinken und dann geht’s auf der Autobahn ab in den Norden.

Im Bayerischen nochmals Halt, um kurz zu schlafen und einen kleinen Willkommensgruß zu genießen und dann endet die Tour im hohen Norden.

Es war traumhaft schön, herrliche Fahrtage, Wahnsinns Strecken, Kurven, Kehren, Serpentinen zu Hauf und überall freundliche, nette und sowohl herzliche, als auch herzhafte Menschen, bei deren Lebensumständen (so wie wir sie wahrgenommen haben) durchaus verständlich wird, dass sie sich nach einem „besseren“ Leben (was immer das sein mag) sehnen.

 

 

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