Südchina – Tibet Teil 2 (Frühjahr 2019)

Ein wunderbarer Morgen bricht an. Tashi bringt die Kaffeemaschine in Schwung, die harten Eier finden reißenden Absatz wohingegen die Reissuppe deutlich zurückbleibt. Die Sonne wärmt mit ihren ersten warmen Strahlen unsere Bikes, die doch von der Nachtkühle etwas Tau angesetzt haben und wir machen uns auf in Richtung Tigersprungschlucht. „Free Riding ist angesagt (einer der großen Vorteile bei Tibetmoto), das bedeutet jeder fährt sein Ding und man trifft sich an vorher vereinbarten Punkten. Einen Teil der Strecke müssen wir auf einer der großen Nationalstraßen hinter uns bringen und Hendrik ermahnt uns beim, Morgenbriefing nochmals eindringlich, die Geschwindigkeitsgrenzen einzuhalten und diszipliniert zu fahren. Keine Frage, wir geloben es alle (same procedure as every day). Und dann kommt eben doch so ein kleines Missverständnis dazwischen. Am Anfang einer kleinen Häuseransammlung stoppt die ganze Truppe auf einem weitläufigen, staubigen und schlaglochübersäten Platz. Ich parke meine Maschine etwas abseits, steige ab und bewege mich zu den anderen und höre „Pinkelpause“. Auch gut, denke ich, drehe um, gehe zu den Bäumen und tue wie mir geheißen. Als ich mich umdrehe, um zurückzulaufen ist zwar der Platz noch da, nicht jedoch die Truppe, mit Ausnahme von Tiziana, die dem Roadcaptain assistiert und immer, sozusagen als Lumpensammlerin, am absoluten Ende fährt. Tizina meinte, dass sie erst gerade angekommen sei und mein Bike gesehen habe und natürlich wartete bis zu dem einsamen Bike auch ein Fahrer kommt. Ich war ein wenig verdattert, aber wir waren uns schnell einig, dass es nur diese eine Straße gab und wir hinterherfahren sollten und die Truppe in wenigen Minuten wieder eingefangen haben würden. Tiziana meinte nur, also gib Gas. Wir los, durch die paar Häuser durch und raus auf die Landstraße, wo uns heftiger Verkehr erwartete. Da wir sozusagen die Verfolger waren, mussten wir schon etwas schneller fahren, sonst würde das ja nichts mit dem Einholen, also Stoff. Tiziana hatte ich immer im Rückspiegel, auch wenn wir nicht dauernd synchron überholen konnten, aber sie hat eine Spezialbirne im Scheinwerfer, welche deutlich heller ist als alles andere und so konnte ich sie sehen. Was mir auch ganz recht war, denn ich wusste, im Zweifel kannte sie die Strecke, wenigstens theoretisch und, vor allem, wenn alle Stricke reißen, hatte sie ein  Handy mit chinesischer SIM Karte. Nach 5 Minuten strammer Fahrt kein Lebenszeichen der anderen, also noch mehr Gas und flotte Überholmanöver. Zwischenzeitlich lagen wir, sagen wir mal „knapp“ oder ein bisschen mehr und dafür dauerhaft  über der zulässigen Geschwindigkeit. Von vorne kam eine LKW Kolonne entgegen und diesen einen Bus vor mir wollte ich schon noch schnappen, denn danach war die Straße frei. Hinter mir sehe ich Tiziana schneller werden, aha, zwei Doofe ein Gedanke und schwupps waren wir an dem Bus vorbei und schwupps auch an der Radarstation, die fröhlich blitzte. Aber freie Straße vor uns und da meine Maschine etwas schneller in der Endgeschwindigkeit war, entferne ich mich wieder von Tizina. Alles etwas eigentümlich, die müssten seit mehr als zwanzig Minuten wie die Irren vor uns hergeheizt sein und dies unter der Ägide unseres besonnenen Roadcaptains – schwer vorstellbar. Dann kommt links eine Brücke mit großem Torbogen, aber eher eine kleine Abzweigung und ich entschließe mich geradeaus weiter zu fahren, überquere die Kreuzung und sehe dann Tizianas Superlicht aufblitzen. Lichthupe und sie wird langsamer. OK, bremsen rumdrehen und an der Kreuzung treffen wir uns. Helme runter und Tiziana flötet mit ihrem holländischen Dialekt: „Meinst du nicht, du warst auf dem letzten Stück etwas schnell?“ „Schon“, antworte ich, „aber ich kenne eine „Dame“, die klebte an meinem Hinterrad, ich fühlte mich genötigt.“ Erstmal ein Schluck Wasser und dann versuchten wir beide hinter das Rätsel zu kommen, wo denn der Rest der Truppe sein mag. Laut Handbuch und Streckenführung mussten wir in der Tat über die Brücke, aber spätestens an diesem Punkt, wo es galt eine Abzweigung zu nehmen, wurde immer gewartet, bis alle zusammen waren. Was also war geschehen? Tiziana griff zum Handy rief Tashi an, der das Begleitfahrzeug steuert. Sie schilderte ihm unseren Standort an der Brücke und dem großen Torbogen und Tashi wusste sofort, wo wir waren. Dann sei ja auch alles gut, in 15 Minuten seien sie auch da, wir sollten warten. Warten? Die waren hinter uns?

Die Lösung war trivial. Ich hatte zwar richtigerweise das Wort Pinkelpause gehört, nicht jedoch den davor liegenden Satz: „Bei den Häusern da vorne gibt es eine Tankstelle, dort machen wir Pinkelpause“. Alle fuhren also wieder los, zu der Häuseransammlung und parkten hinter der Tankstelle, so dass wir sie überhaupt nicht gesehen hatten. Bleibt der Blitz der Radarfalle. Ich hielt das im Moment nicht für den geeigneten Zeitpunkt das Thema anzusprechen und Tiziana wohl auch nicht. Also Schweigen. Rauf auf die Bikes, rüber über die Brücke, Tashi erledigte die Formalitäten bezüglich der Einfahrt in die Schlucht und junge Chinesinnen präsentierten ihren Sachverstand in Motorradthemen und suchten sich die älteste und „schwächste“ Maschine aus, um dort abgelichtet zu werden.

Jangtse Tigersprungschlucht. Das ist zunächst einmal ein großes touristisches Ereignis mit einem gigantischen auf chinesische Verhältnisse abgestimmten Besucherzentrum, das sich am Eingang der Schlucht etabliert hat. Bei einer der Engstellen aufgebaut, nämlich genau dort wo der Tiger vor dem Jäger  über den Fluss sprang und floh (in unserer Welt hätte er schlichtweg den Jäger gefressen) führen gigantische Treppen die chinesischen Touristen bis hinunter zum Fluss.

Natürlich stehen auch Sänften Träger für wahnsinnig teuer Geld zur Verfügung, wobei ich allerdings zugebe, als ich die Jungs schwitzen gesehen und schnaufen gehört habe, dachte ich, dass der Preis angemessen ist. Wir brauchen das alles nicht so richtig und biegen vom Parkplatz des Touristen-centers nach rechts ab, wo ein relativ kleiner Tunnel den großen Bussen den Weg versperrt. Am Ende des Tunnels wird es schon fantastisch. An der Bergflanke entlang schlängelt sich die kurvenreiche Straße auf der linken Seite über dem Fluss und rechts recken sich senkrecht die 5.000er empor – ein erhebender Anblick.

Über uns die knallheiße Sonne und unter uns der Yangtze, dessen gewaltige Wassermassen und deren Tosen einen Eindruck davon geben, welche Kraft Wasser erzeugen kann. Die Straße selbst ist, sagen wir mal, einfach und rustikal. Leitplanken und dergleichen braucht man bei chinesischen Bergstraßen nicht immer oder nur selten. Dafür haben sie etliche kindskopfgroße Schlaglöcher, die es zu umfahren gilt und zwar möglichst dann, wenn kein LKW entgegenkommt. Trotz allem wir können diese Straße relativ zügig bewältigen und biegen ungefähr genau in der Mitte der Schlucht zu einem kleinen Gasthaus ab, wo wir für die Nacht untergebracht sind. An dieser Stelle der Schlucht fällt der Berg auf der linken Seite relativ flach in Richtung Fluss ab, im Gegensatz zur rechten Seite, wo die Wände tatsächlich nahezu senkrecht in die Höhe gehen. Auf unserer Seite werden auf den Terrassen Obst und Gemüse angebaut, die auch schon frühmorgens von der Sonne bestrahlt werden.  Wir nehmen eine kleine Pause, machen uns frisch und nehmen im Gasthaus ein kurzes Mittagessen ein und brechen dann auf, um in einem langen Fußmarsch direkt hinunter zum Yangtze zu gehen. Zugegeben, hätte ich auch nur die leiseste Ahnung davon gehabt, was uns tatsächlich erwartet, wäre ich im Schatten der Terrasse geblieben. Der Abstieg war problemlos und uns erwartete eine atemberaubende Kulisse ungebändigter Wassermassen, die sich einen Weg durch eine Engstelle suchen und bahnen. Grandios und Hut ab, vor den Menschen, die hier Wege und Hängebrücken anlegen.

Der Aufstieg aus der Tigersprungschlucht hoch zur Straße, die zu unserem Gasthaus führte, erwies sich als ein klein bisschen dramatisch. Was wir alle beim Herunterlaufen in die Schlucht nämlich nicht wussten war, dass der Aufstieg an einer nahezu senkrechten Wand entlang geführt wird. In diese Wand und den einzelnen kurzen grünen Absätze waren Steinstufen gehauen oder Platten gelegt, die mit völlig ungeeigneten Höhen für europäische Schritte uns schwer zu schaffen machten. Das Überwinden eines Höhenunterschieds von 300 m, nahezu in der senkrechten Vertikalen ist nicht einfach. Zwischendurch gab es Leitern, die dann eine jeweilige Höhe von ungefähr 30 m überwunden haben. Natürlich geht man fehl, bei solchen Metallgebilden an europäischen Leitern zu denken, es waren  schlichtweg eher etwas ältere Metallleitern, wobei auch dabei die Zwischenräume für unsere Verhältnisse einfach zu hoch waren. D.h. man ist nicht wie bei normalen Sprossen ein kleines Stückchen für Stückchen empor gestiegen, sondern man musste jeweils einen größeren Schritt tun, um die nächste Sprosse zu erreichen und das war alles verdammt anstrengend. Wer jetzt mitleidig lächelt, dem sei gesagt, dass wir nach wie vor noch satte 28° hatten.  Mein lieber Freund und Wegbegleiter schleppt mir gegenüber kleines Handikap mit sich herum, nämlich dass er 15 Kilo mehr auf die Waage bringt. Nicht, dass es ihm nicht stehen würde, aber in diesem Fall lag eine große Dissonanz zwischen seinem Wunsch nach oben zu kommen und seinem Kreislauf vor. Gegen Ende der Strecke verlangsamten sich die Schritte deutlich und wir mussten etliche Pausen einlegen. Dazu kam, dass ich massive Angst hatte, dass sein Kreislauf tatsächlich kollabiert, was uns allen kein Spaß bereitet hätte, da ich zum einen keine Ahnung gehabt hätte, was zu tun wäre. Zum anderen war zwar Tashi hinter uns, ein überaus liebenswerter netter Mensch aber ich fürchte in diesem Fall hätte auch er relativ wenig tun können und dass hier mitten in der chinesischen Pampa eine Notarztversorgung stattfindet, glaubte ich eher nicht. Die gute Nachricht ist, 1 Stunde nach Ankunft oben auf der Straße, wobei er dann die letzten Kilometer im Wagen zum Gasthaus transportiert wurde, konnte er wieder das erste Bier trinken und alles war gut.

Die Morgenstimmung über der Yangtze Schlucht ist unglaublich schön. Die ganze Nacht hat mich das Rauschen der gewaltigen Wassermassen begleitet, auch heute Morgen ist dieses Geräusch nicht wegzudenken, aber ansonsten herrscht eine fantastische Stille. Ein glasklarer, hellblauer Himmel und die linke Seite der Bergflanke wird ungefähr bis zur Mitte schon von der Sonne beschienen. Wir brechen auf und konzentrieren uns wieder auf die Straße, die sich gleich in einer scharfen Linkskehre um die nächste Bergflanken herum wickelt. Die Kombination von Straße und Aussicht ist insofern dramatisch gefährlich, als eigentlich Straßenverlauf und Geschwindigkeit die volle Aufmerksamkeit für die Straße verlangen auf der anderen Seite die landschaftlichen Ausblicke so beeindruckend  sind, dass man nahezu kein Auge davon wenden kann.

Zur mogendlichen Einstimmung – ein weiter Blick ins Tal

Schlussendlich haben wir es aber doch geschafft.  Nach ca. 20 km öffnet sich das Tal in eine weite Ebene, dir wir durchqueren, um auf ca. 3.700 zu klettern. Für uns unvorstellbar ist die Kombination zwischen dieser Höhe und der fantastischen Vegetation. Die Straße selbst gehört in die Kategorie erneuerbar, ist aber o.k. – sicher keine Pass-Straße in unserem Sinne aber auch für die Geschwindigkeiten, die wir fahren absolut in Ordnung. Die kaum befahrene Straße führt durch die Dörfer der Naxi und Lisu und wir fahren selten eine Gerade, die 100 Meter überschreitet. Die kurvige Strecke führt uns zu den Weißwasserterrassen, dem Geburtsort der vom Verschwinden bedrohten Dongba-Religion. Es sind Sinterterrassen, wie man sie auch in der Türkei antrifft. Das unendlich schöne blau/türkisfarbene Wasser der Kalkbecken begleitet uns wieder hinunter bis zum Restaurant an der Straße. Tashi bestellt und sofort beginnt eine gewisse hektische Betriebsamkeit in der offenen Küche. Nur unser Tashi, unser immer bemühter und helfender Begleiter, scheint mit den Kochkünsten der Wirtin nicht ganz einverstanden und so greift er kurzentschlossen selbst zum Kochlöffel, was ein ausgezeichnetes Ergebnis nach sich zieht. Es sind aber nicht nur diese Sinterterassen, die diesen Ort zu etwas besonderem machen, es sind auch die lachenden und fröhlichen Menschen der Naxi wovon Bilder der „Chilenisch-Chinesischen-Connection“ zeugen.

Aber kein Stillstand, die Räder müssen sich drehen und wir bringen die Bikes auf die einzige Straße, die nach Shangri-La führt.

Ende Teil II, aber wir sind noch lange nicht fertig!

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