Wirtschaft und Wachstum

Weshalb ist eigentlich „immer größer, weiter, kostengünstiger, effizienter“ angeblich notwendig? Weil es das Bruttoinlandsprodukt gegenüber einer Vorperiode erhöht und dies für Wohlstand und Stabilität führt. Na ja, aber diese nahezu 350 Jahre alte Sichtweise hätte eventuell mal ein Update verdient – oder nicht? Sehen wir uns mal pro und contra an:

Argumente für Wirtschaftswachstum definiert mit dem BIP:

  • Wachstum schafft Arbeitsplätze, senkt Arbeitslosigkeit und steigert den Lebensstandard sowie die Produktivität.
  • Es finanziert Sozialsysteme, reduziert Staatsschulden und ermöglicht Investitionen in Umweltschutz durch höhere Steuereinnahmen.
  • Wachstum treibt Innovation und technischen Fortschritt voran, was Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Produktion erlaubt

Argumente gegen Wirtschaftswachstum definiert mit dem BIP:

  • Unendliches Wachstum stößt an Grenzen wie Ressourcenknappheit und Klimawandel
  • BIP misst nicht Wohlergehen, ignoriert Ungleichheit und Umweltschäden; Wachstum kann Verteilungskonflikte verschärfen.
  • BIP ignoriert Folgekosten, die von allen bezahlt werden, wohingegen die Gewinne des Wachstums nur einigen Wenigen zugute kommen.

Man kann anhand eines Beispiels die nicht zwingende Logik der Zunahme des Wachstums untersuchen. Die Energieerzeugung zählt vollständig zum BIP. Sofern also z.B. Atomstrom erzeugt wird, fließt dieser mit zwischen 5 und 10 Cent / kWh (Stromgestehungskosten) ins BIP ein. Jedoch schlagen die gesamtgesellschaftlichen Folgekosten (Rückbau, Endlagerung, Risikominimierung) mit 2,5 bis 5 Cent/kWh zu Buche und die haben zwar Einfluss auf die Staatsfinanzen, nicht jedoch auf das BIP. So ist das ausgewiesene Wachstum deutlich geringer, bis gegen Null (je nach Studie).

Ein anderes Beispiel entnhme ich dem Buch von Maja Göpel, „Unsere Welt neu denken“, Seite 79:“ Ein Tankerunglück, das einen Küstenabschnitt mit Öl verpestet, lässt das BIP ansteigen weil es dazu führt, dass Firmen kommen und das Öl vom Sand kratzen und also Dienstleistungen erbracht werden. Die Schäden die durch die Ölpest im Ökosystem angerichtet wurden, schlagen sich im BIP nicht nieder, weil Natur – solange sie einfach nur da ist – in keiner ökonomischen Bilanz auftaucht. Ein Vater oder eine Mutter, der/die nach der Geburt ihres Kindes eine Zeit lang zu Hause bleiben und nicht ins Büro gehen, senken dagegen das blieb. Denn das Wohlgefühl des Kindes und der Eltern die ihr gemeinsames Leben zusammen beginnen, zählt hier nicht.

„Das BIP misst alles außer dem, was das Leben lebenswerter macht“ meinte Robert Kennedy.

Um Wachstum zu fördern hilft der Staat gerne. Insbesondere natürlich, wenn es sich um die Gruppe der Automobilhersteller dreht. Die Autoindustrie in Deutschland erhält jährlich Milliarden an staatlichen Subventionen aus Steuermitteln, vor allem durch E-Mobilitätsförderungen, Forschungsförderungen und Steuervorteile. Von 2016 bis 2023: Rund 60 Milliarden Euro für die gesamte Branche (z. B. Umweltbonus, KfW-Förderung), davon allein 9,1 Mrd. € für VW.z.B. VW im Jahre 2023 Subventionen in Höhe von 6,4 Milliarden €. Die brauchen das auch, denn schließlich sind sie ja nicht dem Staat oder seinen Bürgern verpflichtet, sondern ihren Aktionären. Und da lassen sie sich auch nicht lumpen. Im Jahre 2024 schüttete VW rund 4,6 Milliarden €, BMW rund 3,8 Milliarden € und Mercedes rund 5,5 Milliarden € an ihre Aktionäre aus. So gesehen, scheint das Geld ja wieder zurückzufließen, es sei denn die Menge steuerzahlende Bürger ist nicht gleich der Menge der Aktionäre. Schauen wir es uns an:

VW Aktionäre




BMW


Mercedes

Porsche Automobil Holding SE 53,3% (dahinter ververbergen sich die Familien Porsche und Piech;
Land Niedersachsen 20%
Qatar Holing LLC 17%
Streubesitz 9,7%.
Stefan Quandt 27,69%
Susanne KLatten 22,42%
Streubesitz 49,59%
Beijing Automotive Group (BAIC) 9,98%
Tenaciou3Prospect (Li Shufu/Geely) 9,69%
Kuwait Investment Authority (KIA) 5,57%
Streubesitz 65%

Ist es demnach falsch, was ich oben geschrieben habe, dass Wachstumsgewinne wenigen, die Kosten des Wachstums bzw. dessen Förderung aber alle angehen? Die gesamte Infrastruktur rund um die Produktionsstätten, die gigantischen Beträge der Fördergelder, die Kosten etlicher Frühverrentungsprogramme bzw. der vorgeszogene Ruhestand und vieles mehr trägt die Gemeinschaft der Steuerzahler.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen, ich bin weder grundsätzlich gegen Wachstum, noch ein Gegener der Automobilindustrie, aber ich will nicht länger den ungefilterten politischen Wachstumsfetischisten folgen, insbesondere dann nicht, wenn sie es rein aus der ideologischen Einstellung ihrer Partei wie ein Mantra vor sich herttragen, ohne auch die Hintergründe zu beleuchten. Dir Steffens schreibt in seinem Buch „Hoffnungslos opimistisch“ S.42.: „Wer wie beim Malen nach Zahlen, sein Weltbild nur aus ökonomischen Kennziffern zusammensetzt, erhält keine realitätsgetreue, sondern eine grob verzerrte Darstellung.“

Was möchte ich erreichen?
Ganzheitliches zu Ende denken der Wachstumsstrategie und eingreifen dort, wo
1. möglicherweise Wachstum erreicht wird, jedoch die Folgekosten, insbesondere solche, die auf Klima und Umwelt betreffen, nicht berücksichtigt werden und zum anderen
2. die Verteilung des Wachstums nach dem Prinzip funktioniert Gewinne werden privatisiert, Verluste trägt die Allgemeinheit.

Es erscheint mir wirklich kein Vorschlag eines links-grün-versifften-Alt68er zu sein, wenn ich das Thema Gemeinwohl ins Spiel bringe, sondern die Folge von extensiver und auschließlicher Kapitalismus- und Wachstumseuphorie, welche allein schon ihrem Wesen nach zu Egos führt und die Allgemeinheit, die Welt, die Mitmenschen, das Sozialverhalten verachtet. Die Mütter und Väter unseres GG haben es in §14 doch so einfach und eingehend formuliert:

Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Damit ist gemeint, dass Eigentum zwar geschützt ist, aber nicht schrankenlos genutzt werden darf, sondern sozialgebunden ist und mehr erwarte ich eigentlich gar nicht.

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