Ich habe eine Vision: Rentner*innen in Deutschland können zufrieden und ohne Angst in die Zukunft blicken, weil die Rentenpolitik gerecht ist und ihren Namen verdient. Eine Politik, die die Kluft zwischen Arm und Reich verringert, die Privilegien einzelner Versorgungswerke beendet und einen echten Generationenvertrag schließt – einen, der alle Menschen umfasst, nicht nur die Gruppe der Pflichtversicherten. Stellen Sie sich vor, es wäre selbstverständlich, dass die gesetzliche Rente allen ein Altern in Würde ermöglicht – und niemand mehr das Gefühl hat, sich „eine Alternative“ suchen zu müssen, weil das Vertrauen in die eigene Regierung verloren gegangen ist
Noch ist diese Vision weit von der Realität entfernt. Schon ein Blick auf die nachstehenden Zahlen und Strukturen zeigt, wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist. Und ganz am Ende, also nach der Aufnahme des IST-Zustandes, erlaube ich mir noch ein paar generelle Anmerkungen zu der jetzt (Januar 2026) beginnenden Arbeit der Rentenkommission und gebe einige laienhafte Anregungen.
Monat für Monat werden für rund 22,3 Millionen Rentner*innen enorme Summen aus der Rentenkasse entnommen, insgesamt etwa über 400 Milliarden Euro im Jahr. Zum besseren Verständnis des Nachstehenden sei sie hier vereinfacht erläutert: Monatliche Rente = Persönliche Entgeltpunkte × Zugangsfaktor × Aktueller Rentenwert × Rentenartfaktor.
Daraus errechnet sich der oben genannte Betrag von rund 403 Milliarden Euro.
Die geschätzte Gesamtsumme aller Einzahlungen in die gesetzliche Rentenkasse in Deutschland für das Jahr 2025 beträgt etwa 300 Milliarden Euro.
Der Zuschusss zur Rentenkasse aus Steuermittel beträgt ca. 120 Milliarden Euro (der Betrag ist höher als die Differenz zwischen Ein- und Auszahlungen, da nicht nur die reine Rentenzahlungen, sondern z.B. auch der Erhöhungsbetrag für die Ostrenten damit finanziert werden.) Die Zuschusshöhe beträgt also rund 33%.
Vergessen wird dabei, dass es sich beim Bundeszuschuss um einen alten Hut handelt, denn bereits 1889 bei Einführung der Rentenversicherung für Arbeiter wurde ein Zuschuss des Staates von 33% festgelegt. Unter Adenauer schmolz der Zuschuss auf 30% ab und eine Erhöhung, die mit der Finanzierung der Ostrenten notwendig gewesen wäre, wurde unter Kohl verweigert (er hatte Steuererhöhungen zur Finanzierung Ost ausgeschlossen und hielt sich an seine Ankündigung – ein kleiner Unterschied zum jetzigen Kanzler). Heute genügen einfache Gesetze, um den prozentuelen Anteil des Zuschusses nach oben oder unten festzulegen, was einem politischen Spielball eher gleichkommt, als einer Planungsgrundlage.
Wemm ich nachstehend einige Ausführungen zu Zahlen mache, dann ist es mir wichtig darauf hinzuweisen, dass ich keinesfalls den Anspruch erhebe, alles auf das Komma genau ausgerechnet zu haben. Dazu liegen mir zuwenig belastbare Daten vor. Aber wenn man Menschen bei einem solch wichtigenm Thema wie „Rente“ nicht frühzeitig mitnimmt, wenn man bei den Entscheidungen nicht berücksichtigt, dass die meisten Menschen einen sehr ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit haben, wenn mann lediglich Unverständnis erzeugt, dann ist eine Wahlentscheidung für die angeblich Alternativen wahrscheinlich, obwohl diese bislang noch gar keine Lösung angeboten haben. Es ist heute schwer vermittelbar, wehalb eine bestimmte Gruppe von Menschen keinen Cent in die Rentenkasse einzahlt und trotzdem zusätzlich zu ihrer regulären Altersversorgung im Alter Gelder kassieren. Es ist nicht mehr nachvollziehbar, weshalb Menschen mit hohen, z.T. sehr hohen Einkommen nicht einen höheren Beitrag einzahlen, als jemand der rund 95.000 € p.a. verdient. Ebenso unverständlich erscheint mir die Tatsache, dass die Altersversorgungswerke bestimmter Berufsgruppen (z.B. Ärzte oder Anwälte) in der Lage sind ein Vielfaches der regulären Rente auszuzahlen. Dies aber nicht deshalb, weil diese Berufsgruppen viel mehr einzahlen, sondern der Grund liegt darin, dass diese Versorgungswerke von all den Zahlungen befreit sind, welche die gesetzlichen Rentenversicherung leistet (KV-Zuschuss, Reha, Grundsicherung). Wenn man das so akzeptiert, darf man im Zusammenhang mit der Rente auch nicht den Begriff „Generationenvertrag“ verwenden, denn dieser Begriff umfasst alle Menschen und nicht nur einzahlende Arbeiter und Angestellte.
Und eines dieser zu behandelnden Themen wird bei der Rentendiskussion von unseren Abgeordneten gerne vergessen, nämlich dass sowohl Bundestagsabgeordnete, als auch Abgeordnete in 10 Landtagen bereits nach vier Jahren monatlich rund zusätzlich 1.200 € im Alter erhalten, ohne dafür jemals eine eigene Einzahlung geleistet zu haben. Darüberhinaus wird dieser Anspruch nicht mit anderen Pensionen oder Renten verrechnet. Wären die Abgeordneten den „normalen“ Bürgern gleichgestellt, würden der Rentenkasse p.a. rund 30 Millionen € zusätzlich zufließen (Ausrechnung findet sich hier) und die Ansprüche würden mit weiteren Altersauszahlungen verrechnet.
Ein weiteres Thema, welches der Diskussion zugeführt werden könnte, ist die Beitragsbemessungsgrenze. Weshalb zahlt ein Einkommensbezieher mit einem Jahreseinkommen von 240.000.- € genausoviel ein, wie jemand der lediglich rund 97.000.- € p.a. verdient? Weshalb entrichtet der Niedrigverdienende den gleich hohen prozentualen Satz wie der überdurchschnittlich Verdienende?
Die „Solidargemeinschaft“ zeichnet sich also dadurch aus. dass die hohen Einkommen ab 8.050.- € p.M. von einer Deckelung des Beitrags zur Rentenversicherung profitieren. Das halt ich für diskussionswürdig. Eine entsprechende grafische Darstellung findet sich hier.
Besonders auffällig ist auch, dass Einkommen aus Arbeit und Einkommen aus Kapital sehr unterschiedlich behandelt werden:Die Abgeltungssteuer (erfasst die Kapitalerträge privater Haushalte) in Deutschland betrug 2023 rund 40 Milliarden €, was bei einem ca. Steuersatz von 26,4% auf Kapitalerträge in Höhe von 170 bis 200 Milliarden € p.a. schließen lässt. Dafür muss kein Rentenbeitrag entrichtet werden. Würden lediglich 5% Rentenbeitrag erhoben, kämen weitere 10 Milliarden in die Rentenkasse.
Ich würde mir wünschen, dass die Ankündigung, die Rentenkommission soll, kann und darf ergebnisoffen tagen Realität wird. Und es wird mit dem Rentenpaket 2025 und der neuen Rentenkommission der Eindruck erweckt, es stünde nun eine grundlegende Reform bevor. Tatsächlich aber sind die Spielräume der Kommission eng gesteckt, weil sie an politische Vorentscheidungen und Pakete gebunden ist, was mit zwei Argumenten gestützt werden kann:
1. Unsere Bundsministerin für Arbeit und Soziales hat schon mal eine Richtung vorgegeben (längere Anwartschaft für Akademiker, was Quatsch ist, da dies dann wohl auch alle Mütter, Kranke und Sozialhilfeempfänger treffen würde) und
2. Die Damen und Herren der Rentenkommission, sind an das beschlossene Rentenpaket 2025 gebunden. Aber eine Reform ohne die Basics anzufassen verdient diesen Namen nicht und damit sind auch Modifizierungen, wie sie in anderen Ländern längst zum Erfolg geführt haben nicht zu erwarten.
Wenn zentrale Stellschrauben – wie die Privilegien der Versorgungswerke, die Beitragsbemessungsgrenze oder die Einbeziehung aller Einkommensarten – gar nicht erst ernsthaft auf den Tisch kommen, verdient das den Namen „Reform“ nicht. Dann bleibt vieles beim Alten, und genau dieses „weiter so“ ist es, das Populist*innen in die Hände spielt, die mit einfachen Parolen, aber ohne tragfähige Lösungen auftreten.
Um aus der Vision Schritt für Schritt Realität zu machen, braucht es Mut zu grundlegenden Veränderungen. Denkbar wären unter anderem
1. Ausweitung des Kreises der Beitragspflichtigen
1.1 Beitragspflicht für Politiker (plus ca. 30 Millionen €);
1.2 Beitragspflicht für Einkommen aus Kapitalerträgen (plus ca. 10 Milliarden €);
1.3 Integration der Versorgungswerke;
2. Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze
3. Modifizierung der Beitragssätze dahingehend, dass niedrige Einkommen entlastet und höhere Einkommen stärker belastet werden.
Eine stark holzschnittartige Berechnung findet sich hier.
Es geht nicht darum, irgendjemanden durch Verlust von Privilegien zu bestrafen, sondern darum, unsere Demokratie zu schützen: Ein gerechtes Rentensystem stärkt Vertrauen – und schwächt jene, die laut, simpel und mit gefährlichen Versprechungen gegen sie arbeiten. Aber, wenn wir tatsächlich weder Mut noch Kraft zur Veränderung aufbringen können, dann muss sich auch niemand wundern, wenn es dreist-laut-dummen Dämagogen gelingt, unsere Demokratie und deren eigentlich innewohnenden Werte zu attackieren.
Wer meine Ansicht teilt, teilt diesen Beitrag und durch dauerndes Teilen mag es ja gelingen, damit den einen oder anderen Entscheider/innen zu erreichen.