Schmutzkampagne in BW?

Süddeutsche Zeitung 10. März 2026
von Claudius Seidl

Da bleibt was kleben

Eine „Schmutzkampagne“ der Grünen, klagt die CDU, habe Manuel Hagel in Baden-Württemberg den Sieg gekostet. Aber hat sich der Mann nicht eher sauber selbst geschadet? Über die Kunst des Dreckwerfens in der politischen Arena.

Die Rede von der Schmutzkampagne ist selbst nicht unbedingt eine Schmutzkampagne – aber fair, vornehm und womöglich richtig war es nicht, dass bedeutende Würden- und Funktionsträger der CDU, je geringer der Abstand zwischen den führenden Grünen und der Union am baden-württembergischen Wahlabend wurde, umso heftiger insistierten, dass Manuel Hagel, der Kandidat der CDU, das Opfer einer grünen Schmutzkampagne geworden sei. Hätten die Grünen fair gespielt, das war der Vorwurf, dann hätte Hagel die Wahl gewonnen. Die Grünen haben also gewissermaßen ihren Sieg geklaut.

Die Schmutzkampagne ist kein streng und eindeutig definierter Begriff der politischen Theorie; sie ist eher eine Praxis, die man, wenn man mit ihr zu tun bekommt, als solche schon erkennen wird.  Aber auf ihr wichtigstes Erkennungsmerkmal können sich vermutlich alle einigen. Es ist die Desinformation, es ist die Falschmeldung, es ist zumindest die Insinuation, das üble Gerücht über eine Person, das der, der die Kampagne betreibt, nicht belegen oder beweisen kann. Und im schmutzigsten Fall glaubt er nicht einmal selbst daran.

Man bewirft also den Gegner mit schmutzigen Lügen – und man tut das so konsequent, dass man sicher sein kann: Irgendetwas wird hängen oder kleben bleiben an der Zielperson. Die weltberühmteste unter den Schmutzkampagnen der jüngeren Vergangenheit hat ein gewisser Donald Trump gestartet, damals, als Barack Obama der Präsident und Trump noch nicht einmal Kandidat, sondern nur ein böser Zwischenrufer am Rand der politischen Bühne war.

Obama, der in diesem Kontext immer mit seinem vollen Namen Barack Hussein genannt wurde, weil das die Assoziation an den Verbrecher Saddam befeuern sollte – Obama sei, erstens, nicht in den Vereinigten Staaten geboren, was aber die Bedingung fürs Amt des Präsidenten ist. Obama verdanke sein Amt also einer Lüge und sei nicht der rechtmäßige Präsident. Und zweitens sei er Muslim, was in diesem Kontext suggerieren sollte: ein Fremder, mit dessen unbedingter Loyalität das christliche Amerika nicht rechnen dürfe.

Es ist nicht schmutzig, Muslim und in Kenia geboren zu sein; schmutzig war die Lüge, von der Trump selbst gut genug wusste, dass sie eine Lüge war. Schmutzig ist es, wenn er heute liberale Politiker und Medien als Kommunisten und Volksfeinde denunziert. Wogegen der Schmutz, mit dem er, in dem berüchtigten KI-Video, Demonstranten bombardierte, gewissermaßen auf ihn selbst zurückfiel.

Und schon deshalb ist man, auch als betulicher deutscher Beobachter, nicht besonders schockiert davon, wenn Trumps Gegner ihrerseits den Präsidenten als Kinderschänder und die First Lady als ehemalige Prostituierte beschimpfen, obwohl weder das eine noch das andere bewiesen ist. Schmutzig ist es allemal – und in Deutschland müsste man bei weitaus weniger bösen Unterstellungen mit einem Strafbefehl rechnen.

Hier, in Deutschland, gilt nach wie vor die Verabredung, dass man über Affären und Ausschweifungen von Politikern nicht berichtet, solange dabei gegen kein Gesetz verstoßen wird – was dem Verschmutzungsgrad deutscher Kampagnen gewisse Grenzen setzt. Es war zweifellos nicht sauber, dass Willy Brandt sich einst den Vorwurf gefallen lassen musste, dass er einen falschen Namen trage und gegen Deutschland gekämpft habe, was ja recht eigentlich einer seiner Ruhmestitel war. Aber das ist mindestens ebenso lange her wie der Verdacht, dass Franz Josef Strauß sich von einer New Yorker Hure das Portemonnaie habe klauen lassen. Und spielt in den politischen Kämpfen heute keine Rolle mehr.

Was wäre das denn für ein Schmutz, mit dem die Grünen den Kandidaten beworfen hätten?

Als allerdings Hubert Aiwanger, bei seiner berüchtigten Erdinger Rede im Juni 2023, den Politikern der Ampelkoalition in Berlin unterstellte, sie hätten „wohl den Arsch offen“, da war das beides: unappetitlich. Und eine Kampagne. Und als, im selben Jahr, die Bild-Zeitung und die CSU mit einigem Erfolg den Leuten einredeten, dass sie, harmlose Eigenheimbesitzer, demnächst Besuch von Robert Habeck bekämen, der im Zweifelsfall eigenhändig die Ölheizung aus dem Keller herausreißen und den Kauf einer teuren Wärmepumpe befehlen würde; als CDU-Leute vom „Heizungswahn“ und der „Energie-Stasi“ sprachen und Markus Söder, im Vorübergehen, gleich noch die „zwanghafte Veganisierung“ durch die Grünen geißelte: Da hatte keiner von ihnen Heizöl an den Fingern kleben und Söder höchstens ein bisschen Senf von der letzten Leberkässemmel. Sauber war es trotzdem nicht.

Was wäre das also für ein Schmutz, mit dem die Grünen im Wahlkampf den Kandidaten der CDU beworfen hätten? Es geht einerseits um ein Video, in dem Hagel einer Schulklasse den Treibhauseffekt so katastrophal falsch erklärt, dass man diesen Mann nie wieder hinter dem Steuer eines Verbrennerautos sehen möchte. Und es geht, vor allem, um das Video einer Fernsehsendung, in der Hagel vom Besuch einer Schulklasse mit achtzig Prozent Mädchen schwärmt: „Also da gibtʼs für einen neunundzwanzigjährigen Abgeordneten schlimmere Termine.“ Und in der er erzählt, dass er das Mädchen Eva mit den braunen Haaren und den rehbraunen Augen nie vergessen werde.

Es geht also um ein Mädchen, das damals 16 Jahre alt gewesen sein muss. Und Zoe Mayer, die grüne Bundestagsabgeordnete, die dieses öffentlich zugängliche Video in Umlauf gebracht hat, begründet das damit, wie unangenehm es ihr in diesem Alter gewesen sei, die lüsternen Blicke erwachsener Männer zu spüren. Hagel hat gesagt, dass es „Mist“ gewesen sei, so daherzureden; seine Parteifreunde verweisen darauf, dass es acht Jahre her sei: eine Ewigkeit also; es scheint aus einer fernen Vergangenheit zu stammen, als die Leute noch nicht so prüde waren. Und Udo Jürgens noch sang: „Siebzehn Jahr, blondes Haar“. Also 1965.

Es mag schon sein, dass erwachsene Männer es nicht selber merken, dass solche Blicke auf minderjährige Mädchen nicht einfach Ausdruck unschuldiger Freude an Jugend und Schönheit entspringen, sondern unangemessen sind, zumal wenn der Generalsekretär einer mitregierenden Partei auf eine völlig machtlose Schülerin schaut. Aber die Szene spielt im Jahr 2018, was keine ferne Vorzeit war, sondern das Jahr nach „#MeToo“, als es nicht nur um den Vergewaltiger Harvey Weinstein ging. Sondern darum, den Zusammenhang zwischen Macht- und Flirtverhältnissen endlich einmal grundsätzlich zu überdenken. Hätte Hagel von den Augen und den Haaren einer Kollegin um die dreißig geschwärmt, hätte er allenfalls Ärger mit seiner Frau bekommen.

Falls Manuel Hagel, der direkt gewählte Abgeordnete des Wahlkreises Ehingen und damals Generalsekretär seiner Partei, von all dem nichts mitbekommen hätte, dann wäre er sicher nicht der Modernisierer, den die Union im Südwesten doch so dringend braucht. Das Video war keine Lüge, keine Desinformation, kein fieses Gerücht. Wer jetzt auf die zeigt, die das Video verbreitet haben, betreibt die reinste Täter-Opfer-Umkehr. Auch weil beides, der Spruch mit den braunen Augen und die Reaktion auf die Veröffentlichung, etwas aussagen über Hagels Qualifikation.

In Schwaben, sagen die Schwaben, werde man erst mit vierzig gescheit und erwachsen. Das wäre eine halbe Entschuldigung. Wenn das aber stimmte, hätte Hagel auch mit seiner Kandidatur noch vier Jahre warten dürfen.

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