AfD halbieren?

Die nachstehenden Zeilen sind einem Artikel aus dr Süddeutschen vom 22. Juni 2026 entnommen und zeigen mt etwaffnender Klarheit die Ergebnisse des Handelns der CDSU Strategen.

Union und AfD – Sorge dich nicht, kämpfe!

Essay von Claudius Seidel

Friedrich Merz versprach, die AfD zu halbieren. Sie hat sich verdoppelt. Kann es sein, dass es die falsche Strategie war, dauernd Verständnis für Rechts-Wähler und ihre Nöte zu zeigen?
Der Kulturkampf ist entschieden; vorüber ist er nicht. Gewonnen haben ihn, anscheinend, all jene, die seit Jahren, besonders heftig aber seit dem Regierungsantritt der sogenannten Ampelkoalition, sich gewehrt, geschimpft, demonstriert und schließlich Politik gemacht haben gegen das, was sie als linksrotgrüne Gängelung und Bevormundung empfunden haben. Gegen angebliche Meinungsunfreiheit, gegen sogenannten Klimawahn. Gegen Gender Studies. Und, vor allem, gegen jene Leute, die anscheinend dumm und naiv genug waren, im Fremden, im Geflüchteten erst einmal den Nächsten zu sehen, den Schutzbedürftigen, den Menschen, der eine Würde und Grundrechte hat. Statt zu erkennen, dass besorgte Bürger sich Sorgen machen, weil, wer eine dunkle Haut und schwarze Haare hat, ja ein Messermigrant sein könnte, ein Islamist, ein Terrorist.

Wie deutlich der Sieg ist, kann jeder in seinem Alltag sehen. Kein Schweinsbratenliebhaber (wie der Autor dieser Zeilen) glaubt mehr, dass ihm militante Veganer das Fleisch vom Teller nehmen wollen. Der Tankrabatt hat die Besitzer von Verbrennerautos fürs Verbrennen von Benzin belohnt und die Ölindustrie gleich mit dazu. Öffentlich gegendert wird, wenn überhaupt, nur noch auf den hinteren Sendeplätzen des Deutschlandfunks. Vor allem spürt und hört man es aber am Schweigen, an der verdrucksten Stille, wenn mal wieder eine afghanische Familie, gut integriert und voller Zukunftszuversicht, frühmorgens aus der Wohnung bei München geholt und abgeschoben wird, nach Bulgarien zum Beispiel, weil die Afghanen dort das Terrain der EU zum ersten Mal betreten haben. Wo sie aber niemanden kennen und auf der Straße oder in einem schäbigen Lager enden werden.

Dass das schlimm sei, denken sich dann die, die sich früher empört und dann protestiert hätten. Und dass man solche Härten wohl hinnehmen müsse, wenn man den besorgten Bürgerinnen und Bürgern die Sorgen und der AfD die Grundlagen ihrer Erfolge nehmen wolle.

Der Kulturkampf hat drei Verlierer: die Konservativen, die „linksgrünen Spinner“, die Liberalen. Gewinner: AfD

Und darum ging es ja in diesem Kulturkampf, bei dem man als Beobachter nie ganz genau erkennen konnte, wann es um echte Überzeugung ging. Und wann Zynismus oder Dummheit das Handeln der Kulturkämpfer antrieben. Im November 2018, als er sich zum ersten Mal um den Vorsitz der CDU bewarb, schrieb Friedrich Merz auf Twitter: „Wir können wieder bis zu 40 Prozent erzielen und die AfD halbieren. Das geht! Aber wir selbst müssen dafür die Voraussetzungen schaffen. Das ist unsere Aufgabe.“ Fortan nahm er die Sorgen der Bürger so ernst, dass es manchmal so aussah, als heizte er diese Sorgen erst an. Damit er sich umso eindrucksvoller als Retter inszenieren konnte.

In den neuesten Umfragen ist die AfD stärkste Partei und liegt knapp unter dreißig Prozent, die Union bekommt ungefähr die Hälfte von dem, was Merz ihr damals versprochen hat; die FDP liegt noch immer unter fünf Prozent, und den Freien Wählern geht es außerhalb Bayerns auch nicht so besonders. Der Kulturkampf gegen alles, was linksgrün, irgendwie woke und, vor allem, ausländerfreundlich war, hat also zwei Verlierer hervorgebracht. Zum einen die, gegen die er sich gerichtet hat, die „linken und grünen Spinner“, wie Friedrich Merz seine Gegner im Wahlkampf nannte. Zum anderen die, die ihn geführt haben, die Konservativen und Liberalen. Eigentlich alle – mit Ausnahme der AfD.

Selbst schuld, würde man spotten wollen, wenn die Lage nicht so ernst wäre. Selbst schuld, wenn Friedrich Merz, noch zur Zeit der Ampel, drohte, dass „mit jeder gegenderten Nachrichtensendung ein paar Hundert Stimmen mehr zur AfD“ gehen. Selbst schuld, wenn er, etwas später, die Wahlentscheidungen der Leute so erklärte: „Mit der AfD können die Bürgerinnen und Bürger heftige Denkzettel verpassen. Diese treffen derzeit vor allem die Grünen, die nur noch die eigene Klientel erreichen, aber außerhalb davon mit ihrer Volkserzieherattitüde auf besonders heftigen Widerstand stoßen.“ Selbst schuld, wenn christdemokratische Wahlkämpfer in der Provinz die bestürzenden Ergebnisse der AfD damit erklärten, dass das Volk mit denen in Berlin eben unzufrieden sei. Und dass die Leute wollten, dass man ihre Sorgen ernst nehme.

So haben Christdemokraten den Leuten die Denkzettel in die Hand gedrückt, auf welche die dann „AfD“ geschrieben haben. So haben sie, im Glauben, die allgemeine Stimmung zu spüren und zu nutzen, letztlich Stimmung für die AfD gemacht. Und wenn das Video, in dem ALice Weidel ihr Recht aufs Schnitzel fordert, eine erstaunliche Ähnlichkeit hat mit den Bildern, die zeigen, wie Markus Söder (vor seiner kulinarischen Neuausrichtung) das Recht auf Leberkäs erstreitet, ist das mehr als nur ein triviales Detail. Es gab offenbar, in dieser Frage, einen gemeinsamen Kampf gegen einen gemeinsamen Gegner. Und dass das ein imaginierter Gegner war, ein Popanz, ein Schreckgespenst, hat die Sache nur noch schlimmer gemacht.

Jetzt, da die Ampel fast schon vergessen ist; jetzt, da „woke“ schon lange erfolgreich zum Schimpfwort umgedeutet worden ist; jetzt, da an den deutschen Grenzen die Pässe kontrolliert und Asylsuchende zurückgewiesen werden – jetzt, spätestens, offenbart sich, dass es Seite an Seite mit der AfD nichts, absolut gar nichts zu gewinnen gibt für Konservative und Liberale. Als im Januar 2025, kurz vor der Bundestagswahl, ein psychisch kranker Afghane zwei Menschen tötete und drei schwer verletzte, versprach Friedrich Merz, überwältigt von der eigenen Emotion, dass er, sobald er Kanzler sei, keinen Afghanen mehr hereinlassen werde – auch wenn sein Parteifreund Herbert Reul, Innenminister von Nordrhein-Westfalen, kühl darauf hinwies, dass, wer solche Taten verhindern wolle, bessere Vernetzungs- und Fahndungsmethoden brauche, wogegen die Grenzschließung nur eine Ersatzhandlung zur Besänftigung der besorgten Bürger sei.

Seit Friedrich Merz regiert und Alexander Dobrindt sein Innenminister ist, sind die Grenzen zwar nicht geschlossen; es kommen aber viel weniger Menschen ins Land. Den besorgten Bürgern sind es immer noch zu viele – so wie es überhaupt zum Wesen solcher Sorgen gehört, dass sie mit den Mitteln der Politik nicht zu vertreiben sind. Irgendwas ist immer. Die Lebensmittel sind zu teuer. Der Bus fährt nur noch alle halbe Stunde. Die jungen Frauen sind alle in die Großstadt gezogen. Die Eisheiligen haben die Apfelblüten erfrieren lassen.

Es gibt ja nun mal keinen vernünftigen Grund, diese Partei zu wählen

In dieser Lage ist Verständnis die falsche Strategie. In dieser Lage kann die Forderung, dass man AfD-Wähler nicht beschimpfen, ja nicht einmal kritisieren dürfe, weil die doch einfach nur ihre Sorgen und ihr legitimes Nichteinverstandensein artikulierten, nur zurückgewiesen werden. Es gibt keinen vernünftigen Grund, die AfD zu wählen – es sei denn, man wäre ein Vaterlandsverräter und bereit, sich der Herrschaft, zumindest aber der Hegemonie des Wladimir Putin zu unterwerfen.

Und genau das wäre die angemessene Haltung der Union, deren Kulturkämpfer ja niemals Hemmungen hatten, außer den grünen Politikern auch deren Wähler, ja das ganze Milieu zu beschimpfen. Es gibt keinen Grund, die AfD zu wählen: weil deren Forderungen und Versprechungen entweder unerfüllbar sind (70 Prozent Rente) oder auf den Bankrott des Landes hinausliefen (EU-Austritt, Deutsche Mark zurück) oder auf den Bankrott aller Menschlichkeit (Remigration). Und weil, wie das im Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt gefordert wird, von der deutschen Kultur nur noch ein kümmerlicher, spießiger, provinzieller und barbarischer Rest bliebe. Der „Walkürenritt“ als Klingelton, und aus dem „Faust“ merken wir uns nur den einen Satz, dass ein deutscher Mann „keinen Franzen leiden“ mag.

In dieser Härte muss man es vor allem jenen Menschen sagen, die behaupten, dass bei ihnen zu Hause, auf dem Dorf oder in der Kleinstadt, die Verhältnisse ganz anders seien. Weil doch der Herr Siegmund, der sachsen-anhaltische Spitzenkandidat, so ein freundlicher, gut gelaunter Mensch sei. Und die AfD-Stadträtin sei eine anständige Frau, die einem immer zuhöre. Und der Bäcker, dieser hilfsbereite Mensch, sei auch in der AfD, die dann ja nicht so schlimm sein werde.

Doch, muss man antworten. Diese Partei hat die Zerstörung Deutschlands zum Ziel, weshalb wir über die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Mitglieder erst reden werden, wenn die ausgetreten sind aus der Partei.

Neulich hat Björn Höcke, der Fraktionsvorsitzende der AfD im thüringischen Landtag und nach Ansicht vieler noch immer der Chefideologe der Partei, ein langes Interview gegeben. Zwei Stunden lang sprach er mit Roger Köppel, dem Chefredakteur der Schweizer Weltwoche, den man dafür nicht nur tadeln möchte. Denn die Botschaft war die: Höcke ist, seit der Veröffentlichung seines Bekenntnisbuchs „Nie zweimal in denselben Fluss“, noch verrückter und gefährlicher geworden. Er raunt jetzt nur noch von „diesen zwölf Jahren“; und dass die Verbrechen ja eigentlich „nicht im deutschen Namen“ geschehen seien. Er ist noch immer überzeugt, dass die Amerikaner, beziehungsweise deren Eliten, das ganze Weltgeschehen steuern. Und dass Deutschland sich nur behaupten könne, wenn es eine „Achse“ mit Russland und Japan schaffe.

Wer deutsch sei, bestimmt er; die Westdeutschen sind es nicht, die deutschen Politiker auch nicht, alle ferngesteuert aus Amerika – es ist alles so böse, so verkappt antisemitisch und paranoid, dass man, wenn man Höcke zuhört und zusieht, zu sehen meint, dass Höcke von sich selbst überfordert und darüber depressiv geworden ist. Was ihn ja nicht harmlos macht. Wenn dieser Mann eine Sparkassenfiliale leitete, würde man sein Geld einer anderen Bank geben. Er ist aber der sogenannte Vordenker einer Partei, in der es doch angeblich so viele anständige und normale Menschen gibt.

Beides geht nicht. Man kann nicht anständig sein und sich zu Höcke bekennen. Man kann kein respektabler Bürger sein und sich dann Putin unterwerfen. Man kann nicht auf den Bankrott Deutschlands hinarbeiten und dafür Anerkennung erwarten. Das müsste jetzt, nachdem das Bündnis mit den besorgten Bürgern nichts gebracht hat, die Botschaft der Union sein.

Bekämpfen, nicht verstehen wollen.

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