Frankreich-Portugal-Spanien 2017 Teil II

Die Nacht in den Pyrenäen war schon herbstlich kalt und der morgendliche Blick in einen sonnigen Himmel täuschte gewaltig über die außerhalb des Wohnmobils herrschenden Temperaturen. Das wurde mir spätestens in dem Moment klar, als ich nach einer herrlich heißen Dusche und einem nicht minder heißen und starken Kaffee die Tür öffnete, um mir vor der Fahrt noch etwas die Beine zu vertreten. Nicht’s wie wieder rein; was eine herrliche Optik versprach, strafte die Realität mit Temperaturen kurz über dem Gefrierpunkt Lügen. Zunächst verließ ich Puigcerda auf der Nationalstraße, um auf der spanischen Seite der Pyrenäen ein Stück westlich zu fahren. Bald erreichte ich bei Adrall die Abzweigung nach rechts Richtung El Pont de Suert und schon war ich wieder mitten drin in der wunderbaren Pyrenäen Bergwelt, wo sich die Straße erst durch den Wald und dann entlang eines Flusslaufs kurvenreich emporwindet. Und wieder besticht der glasklare wunderbar blaue Himmel über der Hochebene. In das unendliche Blau scheinen die grauen Berggipfel wie mit einem Skalpell hineingeschnitten, so scharf und klar zeigt sich einem die Trennlinie zwischen „oben und unten“.

Und weiter hoch zieht sich die Straße auf der Grenzlinie zwischen Katalonien und Aragonien und führt als Nationalstraße 230 durch einen langen schnurgeraden Tunnel, um anschließend in ein weiches grünes Tal einzutauchen. An der Garonne entlang geht es in Richtung Tournay, vorbei an vielen, zumeist schon verlassenen, Campingplätzen entlang der Straße. Und, nahezu unbemerkt, quere ich wieder einmal die Grenze zwischen Spanien und Frankreich, vorbei an einer imposanten Talsperre und so langsam weicht das waldige Land dem Ackerbau. Die immerwährend scheinende Herbstsonne hat zwischenzeitlich auch die Morgenkälte komplett vertrieben und heizt um die Mittagszeit tüchtig ein. Entlang der Garonne läuft die Straße abwärts und weiter unten im Tal kurz vor der Autobahn Richtung Tournay liegen die Temperaturen bereits wieder bei rund 25°, aber trockene, klare Wärme, nicht drückend. Trotzdem mache ich mich schnell auf den Weg, um wieder Höhe zu gewinnen und mein Wohnmobil klettert rund 400 Höhenmeter nach Luz-Saint-Sauveur. Die Lage des kleinen Dörfchens ist schon bemerkenswert. Es liegt in einem der möglicherweise schönsten Täler der Hautes-Pyrenees und neben der Zufahrt zur Westrampe des Tourmalet findet man hier auch den Eingang zu dem unvergleichlichen und grandiosen Cirque de Troumouse.

Dieser, mitten im Nationalpark der Pyrenäen gelegene Talkessel wird von den hohen Gipfeln der Pyrenäen eingerahmt. Ein erhebender Anblick, es war Herbst und ich stand alleine mitten in diesem Tal, umgeben von den bis zu 2.000m hohen Pyränenbergen. Und dabei dachte ich dann doch darüber nach, ob dieser Anblick tatsächlich „erhebend“ war  oder nicht vielmehr beeindruckend in dem Sinne, dass man sich derart klein und unbedeutend fühlt, wenn die überwältigende Natur die einzige Umgebung darstellt. Kein Einzelner von uns hat „gegen“ die Natur eine Chance, wohl aber mit ihr. Wir aber rotten uns zusammen, um mit einer Arroganz der  technischen Überlegenheit alles kaputt zu machen, was uns zum Leben dient und was wir achten und schützen sollten.

Der Tag war fahrtechnisch schon gelaufen, denn zum einen bedeutet der Ausflug in den Cirque de Troumouse, dass man die Sackstrße auch wieder herunter muss und zum anderen wollte ich nur noch eine kurze Etappe hinter mich bringen, um hier in den Bergen den Abend zu genießen. Aber erstmal eine kurze Pause und am Cafe, direkt am Platz des 8ten Mai ein Käffchen und eine leckere Crepes genossen. Zunächst bleibe ich auf der der D821 bis Argeles-Gazost, um dann links abzubiegen auf die D918. Ich wollte den direkten Weg über die Berge nach  Laruns  nehmen. Landschaftlich überaus schön aber mit einem nicht ganz kleinen Wohnmobil erforderte es doch ziemlich viel Aufmerksamkeit und die wurde eben durch die sagenhafte Landschaft immer wieder abgelenkt. Und auf geht’s, zum Gipfel. Die Straße scheint zu Beginn ganz harmlos. An einem kleinen Flüsschen entlang durch ein, zwei Ortschaften durch, wird es dann ein wenig enger, der Wald rückt von rechts und links enger an die Straße und das Talbett wird schmal. Dann hört der Wald auf und es beginnen Wiesen und Steine und nach der Querung des kleinen Flüßchens beginnen die ersten Kehren. Immer karger wird die Landschaft und die Steigung der Straße verschärft sich. Oben angekommen genieße ich die herrliche Stille, die glasklare Luft und den unnachmachbar blauen Himmel. Die Straße führt an einem Bergrücken entlang und rechts schweift der Blick in ein tiefes Tal. Stellenweise gibt es eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 25 km und ich denke die Verantwortlichen vom Straßenbauamt wissen warum. Einmal hatte ich echt vor einem Tunnel Befürchtungen, ob das Wohnmobil von der Höhe her durchpasst.  Aber ein hilfreicher entgegenkommender Autofahrer hielt und lotse mich entsprechend durch. Wer kurvenreiche kleine Sträßchen mag, auf welchen hie und da mehrere Kühe spazieren gehen, ist hier genau richtig.  Nach Laruns hinunter führen noch ein paar schöne Kehren und kurz nach der Ortschaft traf es mich dann. Nicht, dass die Straße zu schmal gewesen ist und doch passierte es trotzdem. Ein Wohnmobil mit französischem Kennzeichen kam entgegen und wir grüßten uns beide freundlich und dann war es geschehen. Mit einem ohrenbetäubenden Knall flog mir mein eigenes Spiegelglas um die Ohren. Glücklicherweise trage ich Brille, so dass den Augen nichts passierte. Ich bremste zügig ab, fuhr rechts ran stieg aus. Mein französischer Kontrahent tat das gleiche und wir trafen uns inmitten der Straße die aussah, als ob eine Bombe in eine Plastikfabrik eingeschlagen hätte. Wir waren uns schnell einig, dass jeder von uns für seinen Spiegel verantwortlich war und keinen von uns beiden eine Alleinschuld an dieser dämlichen Karambolage traf. So räumten wir die Straße auf, verabschiedeten uns höflich, sprachen gegenseitig Glückwünsche aus und setzten die Fahrt fort.  Zuerst warf ich noch einen Blick ins Handbuch um die nächste Fiat Station zu finden und siehe da in Oloron-Sainte-Marie wurde ich fündig. Das war ca. eine halbe Stunde entfernt und wenn ich mich beeilte, müsste ich so gegen 17:00 Uhr eintreffen. Ein Versuch war es wert und wenn ich schon links nichts mehr nach hinten sah so konnte ich mich voll nach vorne konzentrieren und gab dem Wohnmobil die Sporen. In der Tat kurz kurz vor 17.00 Uhr war ich bei Meister Guiraud und bat um Hilfe. Er hat mir sehr geholfen, wobei seine Unterstützung im ersten Anlauf enttäuschend war. Nach 2 bis 3 Telefonaten erklärte er mir, dass der Spiegel per Express bereits 3 Tage später bei ihm eintreffen könnte. Meine „Unfreude“ war offensichtlich und so gab er mir den Rat, nach Bayonne weiterzufahren wo sich eine große Niederlassung von Fiat befinde würde. Meister Guiraud war wirklich sehr nett und hilfsbereit und erläuterte mir noch den Weg und so stand eine weitere und zweistündige Fahrt vor mir, so dass ich möglichst am nächsten Morgen schon vor Toröffnung vor der Fiat Niederlassung stand. Möglicherweise ist dem einen oder anderen Leser durchaus bewusst was es bedeutet, mit einem Wohnmobil ohne linken Außenspiegel und ohne mit dem Innenspiegel einen Blick nach hinten werfen zu können, zu fahren. Auf der normalen Landstraße schafft dies nicht unbedingt ein Problem, es sei denn man möchte einen Traktor überholen. Auf dem letzten Stück Autobahn nach Bayonne bedeutete dies aber, sich entweder hinter den Schwertransport einzureihen oder irgendeine Möglichkeit zu finden nach hinten zu schauen. Und wieder einmal gilt, der Mensch kann noch so blöde sein, er muss sich nur zu helfen wissen. Ich habe die Kamerafunktion meines Handys eingeschaltet und zwar auf Frontkamera, so dass ich mich selber gesehen habe. Dann hob ich das Handy links zum Fenster hinaus und konnte in der Tat sehen, ob die linke Spur frei war und ich überholen konnte. Ich kann nur sagen, die eine Hand umklammerte völlig krampfhaft das Handy  und empfehlen kann ich die Vorgehensweise auch nicht. Jedenfalls und mithilfe von Handbuch und Navi war ich gegen 21:00 Uhr in Bayonne vor der Werkstatt ausgehungert und durstig wie nichts Gutes. Die Werkstatt lag im Industriegebieten so machte ich mich auf in die Stadt und fand auf einem großen City-Parkplatz, der nahezu verlassen am Abend vor mir lag, ausreichend Platz für das Wohnmobil. Jetzt galt es noch etwas zum Essen aufzutreiben und  mich mit der Tatsache abzufinden, dass ich in einer Stadt war, in welche ich nicht wollte und mir morgen, wenn ich Glück hatte eine Verspätung von nur einigen Stunden einhandeln würde. Über Pech wollte ich gar nicht nachdenken, denn es war Donnerstagabend das Wochenende stand bevor. Um das Ergebnis vorher vorwegzunehmen ich hatte nur Glück. Ich lernte eine wahnsinnig schöne Stadt kennen, wenngleich es auch nur am Abend und am nächsten Vormittag war, aber es war traumhaft.

Vom Parkplatz aus lief ich durch einen kleinen Park und durch eine abenteuerliche Wallanlage, vorbei an der Kathedrale in die Altstadt. Es ist eine wirkliche Altstadt, d.h. schön gepflasterte Straße, alte Häuser, keine Autos und natürlich ein Geschäft am anderen. Viele Menschen auf den Straßen, die flanieren, vor kleinen Bars standen oder die Geschäfte heimsuchten. Ich lief hinunter zu dem Flüßchen Nive, das hier in den Adour mündet und fand in einem der vielen kleinen Restaurants einen Platz, weckte meine Lebensgeister zunächst mit einem kühlen Bier und gönnte mir dann ein richtig gutes Abendessen. Egal, was der nächste Tag bringen würde, bis auf das Malheur mit dem Außenspiegel war es ein wunderbarer Tag mit einem fabelhaft schmeckenden Ausklang. Zwar stand das Womo mitten in der Stadt, doch die Nacht war ruhig und frühmorgens machte ich mich auf, um pünktlich bei FIAT zu sein.

 

 

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